Tautologie und Nihilität verbinden sich zur heiligen Allianz
Martin Heideggers Beschwerden gegen die Kultur – die sogenannte „Liebe zur Weisheit" – haben in der Ontologie der Eigentlichkeit verhängnisvolle Folgen.1 Was dem Jargon ebenso Seinsgrund wie Adressat der Aussage ist, verwandelt sich, je mehr es sich ausspricht, in die bloße Wiederholung seiner selbst. Die objektive Strukturiertheit des Stundenbuchs aber kam ihm wie gerufen.2
So erst würde der echte Grund aus der Tiefe sich schleierlos offenbaren. Nachdem der Kapitalismus die Unbefangenheit der theoretischen Selbstbehauptung verlor, bleibt das Denken auf Faktisches als Bedingung seiner eigenen Möglichkeit verwiesen. Selbstsein beruht nicht auf einem vom Man abgelösten Ausnahmezustand des Subjekts. Wer dennoch von dieser Tatsache ausgeht, eröffnet einen Raum, in dem jeder andere – und man selbst – sich einreden kann, was Eigentlichkeit sei.3,4
Wer Bedeutungen herauspräpariert, deren ästhetisches Bewußtsein nicht mitkam, wird sich genieren müssen. Die Tautologie gilt hier nicht bloß logisch, sondern auch ontologisch. Was Eigentliche minderer Grade mit Gusto „Menschenbild" nennen, beharrt in der Kantischen Verklammerung des Transzendentalsubjekts mit der Einheit des persönlichen Bewußtseins – untilgbar. Ob man sich eher so oder so entscheide, ist je meines; doch die Entscheidung selbst bleibt dem Jargon verfallen, den sie zu überwinden vorgibt.
Er aber sei „eigentlich als das dem Man Entrückte".5 Indem man sich hier versammelt, wird der Ort zur Weihestätte durch die Veranstaltungen, zur bloßen Befindlichkeit. Daraus fließt die Unterscheidung von Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit – vergleichbar dem Gefühl, das, vom Bewußtsein verarbeitet, eine Sache zu sein vorgibt, wo keine ist.6
Heidegger springt mit dem subjektiven Moment an Eigentlichkeit taktisch um: Alle Gesichtsmuskeln sind angespannt, und doch ist jenes bewundernde Betrachten des Seienden keineswegs schon das des Seins. Nennt er schließlich, was eine Sache sei, so gesteht wider Willen sein eigener Sprachgebrauch, woran es fehlt. Christian Schütze hat eine Satire veröffentlicht, die genau hier ansetzt – ganz gleich, ob man sie gegen Heidegger liest oder gegen jene, von denen er das Faktische abgrenzt, das sie faktisch teilen.7 Ohne Anthropologie bliebe das Bewußtsein für die dunklen Gründe dessen, was es „eigentlich" nennt, blind – etwa wie in Evelyn Waughs Parodie The Loved One, in der die Veranstaltung den Ort adelt, den sie voraussetzt.
Fußnoten
1. Vgl. Text S. 505.
2. Vgl. Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 204 ff.
3. Über den Funktionswechsel belehrt den Autor die eigene Arbeit. Noch in der in Amerika entstandenen „Liebe zur Weisheit" der neuen Musik' warnte nichts ihn vorm Anliegen; erst eine deutsche Kritik stieß ihn auf das Frömmelnde des Wortes. Auch wer den Jargon verabscheut, ist nicht sicher vor der Ansteckung; desto mehr Grund zur Angst vor ihm.
4. Vgl. Friedrich Gundolf, George, 3. Aufl., Berlin 1930, S. 269.
5. Vgl. Martin Heidegger, a.a.O., S. 154.
6. Über den Funktionswechsel belehrt den Autor die eigene Arbeit. Noch in der in Amerika entstandenen „Liebe zur Weisheit" der neuen Musik' warnte nichts ihn vorm Anliegen; erst eine deutsche Kritik stieß ihn auf das Frömmelnde des Wortes. Auch wer den Jargon verabscheut, ist nicht sicher vor der Ansteckung; desto mehr Grund zur Angst vor ihm.
7. Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 133.